Während meinem ersten Monat in Madagaskar habe ich bereits viele Eindrücke sammeln können. Die ersten zwei Wochen verbrachte ich bei den Schwestern «de la Sainte Famillie» in Antananarivo. Ich wurde herzlich empfangen. Sie nahmen mich bei ihren alltäglichen Einkäufen mit, bei denen es immer viel zu beobachten gab. Eine völlig andere Welt. Das Leben der Madagassen findet praktisch rund um die Uhr auf der Strasse statt. Viele Verkäufer, von kleinen Kindern bis zu Personen im fortgeschrittenem Alter. Ebenfalls bekam ich für unsere Verhältnisse, undenkbare Wohnverhältnisse zu sehen. Trotzdem erscheinen mir die Einwohner sehr aufgestellt und kommunikativ.
Blick auf Antananarivo – oder kurz „Tana“.„Das Leben findet auf der Strasse statt.“ – Fahrradreparatur-Werkstatt auf madagassisch. Schulkinder in Uniformen auf den Strassen von Tana.
Nach ca. zwei Wochen ging meine Reise weiter nach Tuléar .Wir, Sr. Fanja und ich, befuhren la Route National. Eine bekannte Strecke von 1200 km. Umgeben von grünen Naturflächen, welche sich von Zeit zu Zeit ändern.
Auf der Route Nationale ergeben sich spektakuläre Ausblicke.
Nach drei Tagen erreichten wir schlussendlich «le centre Akany Fanantenana», wo ich bereits gespannt von den Schwestern «de Saint Paul de chartre» erwartet wurde. Das Center besteht aus zwei Schulklassen, eine für die Kleinen und eine für die Grossen und aus einem Rehabilitationszentrum.
Strassenszene in Tuléar. Gleich hinter dem grossen Mangobaum befindet sich das „Centre Akan Fanantenana“.
In der ersten Woche durfte ich einen Einblick ins Rehabilitationszentrum erhalten. Es war sehr spannend. Da ich dort jedoch nicht viel mithelfen konnte, war ich froh, die darauffolgende Woche bei den grossen Kindern in der Klasse arbeiten zu können. Zu Beginn musste ich etwas schlucken, da meiner Meinung nach nicht wirklich ein Programm für die Kinder vorhanden war. Zumindest konnte ich diese noch nicht erkennen. Ausserdem hatte ich Mühe, mich an einer Arbeit zu beteiligen. Ich musste mir sie selbst suchen. Im Moment arbeite ich nun mit den schwächsten Schülern, welche aufgrund ihrer Behinderung nicht am Schulprogramm teilhaben können. Mit ihnen beschäftige ich mich nun mit Bastelaufgaben. Ihre fröhliche und unbeschwerte Art bringt mir viel Freude in den Alltag. Nun bin ich gespannt wie es weitergeht.
Nach der Fertigstellung des Lehrer- und Verwaltungsgebäudes werden beim Schulhaus unter anderem die Innenwände verputzt. Weitere Bilder sind unter Projekte zu finden.
Beim Seminar kommen Jugendliche aus der ganzen Diözese Morombé zusammen.
Am 2. Oktober startete in Morombé ein 10tägiges Seminar für über 100 Jugendliche aus der ganzen Diözese. Ziel ist es u.a., den Austausch unter ihnen zu fördern und sie dazu zu animieren, sich für die Gemeinschaft zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Sie sollen später in ihren Pfarreien andere Jugendliche begleiten und anleiten.
Die beiden Gebäude sind fast fertig. Beim eigentlichen Schulhaus im Vordergrund sind die Arbeiter daran, das Dach aufzubauen.Das Schulhaus liegt eingebettet in eine wunderbare Landschaft – wobei das Leben der Bevölkerung nicht einfach ist.
Nachdem das erste Gebäude bereits fertig gestellt wurde, gehen auch die Arbeiten am zweiten Gebäude zügig voran. Nach den Fundamenten erfolgt der Aufbau der Wände mit Hilfe eines einfachen Gerüstes aus Ästen.
Nach einer kurzen und schweren Krankheit ist P. Georges Zehnder am 27. April im Spital Ilafy in der Hauptstadt Antananarivo verstorben. Er war am 20. April bereits krank von seiner Missionsstation nach Tuléar gereist und wurde anschliessend ins Spital in die Hauptstadt gebracht, wo er an den Folgen einer Darm- und Lungenentzündung starb.
P. Georges Zehnder bei einer Sonntagsmesse in Ankazoabo.
P. Georges war noch Ende letzten Jahres auf Heimaturlaub in der Schweiz und traf sich im Dezember mit dem Vorstand des Vereins. Kurz nach seiner Rückkehr verfasst er einen Bericht, wo er sich zu Entwicklungen in Madagaskar und in der Kongregation äusserte – fast schon eine Art Résumée seiner 47 Jahre, die er als Missionar in Madagaskar verbracht hatte.
Der Vorstand von „miray“ traf sich im Dezember 2017 mit P. Georges Zehnder, der sich auf einem Heimaturlaub befand.
P. Georges Zehnder wurde am 10. April 1940 in Birmenstorf geboren und hatte vier Geschwister. Nach der Primarschule absolvierte er das Kollegium der MSF in Nuolen, das er 1961 mit der Matura abschloss. Nach dem Philosophie- und Theologiestudium in Fribourg und seinem Noviziat in Mühlbach (D), wurde er am 30. März 1969 zum Priester geweiht. Im September 1970 reiste er als Missionar nach Madagaskar, das er in der Folge nur noch für Heimaturlaube verlassen sollte.
P. Zehnder als junger Misionar vor Baobabs.
P. Georges im Radio Five in Morombé, dessen Gründung auf seine Initiative zurückging.
Das Verwaltungsgebäude ist fertig und konnte eingeweiht werden. Gleichzeitig wurde auch der Grundstein gelegt für das Gebäude mit den Schulzimmern. Somit schreitet das Projekt planmässig voran.
Auf unserer Projektseite finden sich noch mehr Bilder des Projektes.
Im Hintergrund das neu erstellte Verwaltungsgebäude. Im Vordergrund wird bereits an den Fundamenten für das zweistöckige Gebäude mit den Schulzimmern gearbeitet.
In einer ausführlichen Chronologie zeichnet P. Xaver Müller die Geschichte der Schweizer Madagaskar-Mission der MSF nach. Darin wird klar, was auch im Bild unten sichtbar ist: Inzwischen sind die meisten Schweizer Missionare zurückgekehrt oder aber gestorben; die Stabsübergabe an die einheimischen Verantwortlichen hat schon länger stattgefunden.
Die meisten Priester der Diözese Morombé sind inzwischen Madagassen (Bild von 2017).
Der Bau der Schulhäuser schreitet voran; das erste Gebäude ist fast schon vollendet. P. Benjamin begleitet die Arbeiten als Projektverantwortlicher eng und sorgt für den guten Kontakt zu den Ausführenden.
Georges Zehnder wirkt seit 47 Jahren als Missionar der Heiligen Familie in Madagaskar. Nach einem Heimaturlaub Ende 2017 und Anfang 2018 verfasste er folgenden Text und hielt darin Gedanken zu Entwicklungen in Madagaskar und innerhalb der Kongregation fest. Und er beklagt eines der grössten Übel Madagaskars: Korruption.
P. Georges Zehnder bei einer Sonntagsmesse in Ankazoabo.
Madagaskar, die grosse Insel im Indischen Ozean, Fläche: 580″000 km2, grösser als Deutschland, hat sich vor 150 Millionen Jahren vom afrikanischen Kontinent getrennt, Madagaskar ist die viertgrösste Insel der Welt. Von den über 10’000 verschiedenen Blütenpflanzen und den über 100 Säugetierarten sind jeweils 80 Prozent endemisch. Mit dem starken Wachstum der Bevölkerung, der Viehhaltung, dem Raubabbau der Tropenhölzer und der unkontrollierten Brandrodung verschwinden viele Tierarten.
Bevölkerungswachstum und Armut
1970 betrug die Bevölkerung 6 Millionen, 18 Millionen waren es um 2008 und heute 2017 schätzt man die Zahl der Bewohner auf 23 Millionen. Diese starke Bevölkerungszunahme ist eines der Hauptprobleme von Madagaskar. Auf 100’000 Personen gibt es schätzungsweise 15 Ärzte, kaum 50 Prozent der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Trinkwasser, fast jedes Jahr gibt es zu Beginn der Regenzeit Pestfälle, dieses Jahr besonders in der Hauptstadt Antananarivo. Noch mehr verbreitet ist die Lepra.
Madagaskar ist eines der ärmsten Länder der Welt, von 10 Madagassen leben 8 mit weniger als 2.- Schweizer Franken pro Tag. Die Ahnenverehrung ist weit verbreitet und bleibt auch im Christentum noch sehr lebendig. Ungefähr 45% der Bevölkerung sind Animisten (Naturreligion), 50% sind Christen, davon ungefähr die Hälfte Katholiken, die Hälfte Protestanten, es gibt auch viele Sekten, etwa 4 % sind Muslime.
Die Diözese Morombé liegt im trockenen Südwesten Madagaskar, in der Provinz Toliara.
Die Kirche Morombé wurde madagassisch
47 Jahre bin ich in Madagaskar, hie und da werde ich gefragt: Was ist das Resultat deiner Arbeit? Über persönliche Niederlagen und Erfolge, es gibt ja in jedem Leben beides, möchte ich mich nicht ausführlich äußern, jedenfalls sind die positiven Eindrücke stärker, sonst wäre ich im Januar 2018 nicht mehr zurückgekehrt.
Es gibt 22 Diözesen in Madagaskar, die Diözese Morombe befindet sich im regenarmen, nicht sehr fruchtbaren Südwesten der Insel. Als ich 1970 in Morombe ankam waren wir 20 Priester, wir alle waren Schweizer von der Kongregation «Hl. Familie» (MSF – Werthenstein). Heute wirken in der Diözese 32 Priester, davon sind 8 MSF-Priester (2 Schweizer, 2 Polen, 4 Madagassen) und 23 madagassische Diözesanpriester, diese stammen alle aus der Gegend von Morombe. Die Kirche Morombé ist also madagassisch geworden, gut integriert, ein erfreuliches Resultat.
Die meisten Priester der Diözese Morombé sind inzwischen Madagassen (Bild von 2017).
Schlechte Regenzeit führt zu Schulschliessungen
Die acht großen Schulen der Hauptstationen (total 9000 Schüler) sind selbsttragend, mit dem Schulgeld können die Lehrerlöhne bezahlt werden, aber nicht die Kosten für Schulmaterial oder Neubau. Insbesondere die kleineren Schulen auf dem Land in Buschdörfern sind noch auf Hilfe angewiesen, viele von diesen mussten in der letzten zeit geschlossen werden. Es gibt verschiedene Gründe dafür: Die Regenzeit 2016/17 war sehr schlecht, zu wenig Regen, schlechte Ernte, viele Familien können daher das Schulgeld für den Lehrerlohn nicht mehr bezahlen. Mit Hilfe vieler Wohltäter kann ich für 150 Kinder das Schulgeld übernehmen aber mehr ist nicht mehr möglich.
Korruption und Ochsendiebstahl
Leider haben Raubüberfalle im letzten Jahr stark zugenommen, einige Dörfer wurden aufgegeben, die Bewohner zogen in andere Ortschaften. In der Pfarrei Ankazoabo überleben nur vier von den 14 Schulen in den Broussedörfern.
Ein sehr großes Problem ist die Korruption. Dorfvorsteher, Volksvertreter, Polizei, Minister, alle sind darin verwickelt, es ist aussichtslos, dieses verheerende Übel zu überwinden wenn nicht ein ‘sauberer’ Präsident an der Staatsspitze steht.
Ochsenraub ist eine Landplage, früher war dies eine Art Sport, eine Mutprobe für junge Burschen, aber die gestohlenen Ochsen blieben in der Gegend und wurden oft wieder zurückgestohlen, jetzt aber werden die Tiere von Händlern eingekauft und nach der Insel La Reunion oder Mauritius verfrachtet. Dies wäre ein unmögliches Unternehmen, wenn nicht hohe Funktionäre dahinter stünden und die Diebe schützten.
Ochsen sind in Madagaskar unabdingbar – nicht nur für den Transport, sondern vor allem auch für das Pflügen der Reisefelder. Werden die Ochsen gestohlen, können die Felder nicht mehr bearbeitet werden. Unter anderem deshalb unterstützte „miray“ den Kauf einer vielseitig einsetzbaren Kubota.
Die Kirche hat ein großes moralischen Ansehen, die Briefe der Bischöfe , besonders jener vom Monat Mai 2017, war lange Zeit ein großes Thema in den Zeitungen und bei allen Radiostationen. Darin wurde die Korruption auf allen Ebenen bis in die Ministerbüros angeprangert. Spektakuläres kann nicht erreicht werden aber sie regt zu Besinnung an.
Moringabäume zur Stärkung
Ich habe mein Amt als Pfarrer abgegeben und einem jungen Madagassen-Priester übergeben. Ich bin noch, mitarbeitender Priester (wie man in der Schweiz sagen würde). Ich besuche die Aussenstationen in der näheren Umgebung, das sind 4 Buschschulen und 7 Kirchen und überwache ‘meine’ Moringabäume. Wir haben 300 Moringabäume gepflanzt, ein Baum, der sehr reich an Calcium und Vitaminen ist und dessen getrocknete Blätter ein sehr gutes Stärkungsmittel vor allem für unterernährte Kinder sind.
So werden Spenden von P. Georges eingesetzt
Unterstützung, die ich erhalte, wird folgendermassen eingesetzt: 1) Kindern den Schulbesuch ermöglichen, 2) 5 jungen Leuten weiterhelfen, damit sie ihre Lehre als Krankenpfleger beenden können. 3) Wir wollen für unsere schulentlassenen jungen Leute Kurse organisieren bezüglich: Verantwortung für die Dorfgemeinschaft und Umwelt und neue Anbaumethoden, es gibt Hilfswerke die solche Kurse anbieten, 4) nach Möglichkeit besorgen wir Kranken Medikamente oder bringen sie ins Spital nach Toliara.
Viele Grüsse: P. Georges Zehnder
Der Vorstand von „miray“ traf sich im Dezember 2017 mit P. Georges Zehnder, der sich auf einem Heimaturlaub befand.